Jane Austen, von ihrer Schwester Cassandra gezeichnet 1804
In meinen Träumen ist es immer Sommer,
und ich so Mitte zwanzig, schön und klug.
Ich leide oft an tragisch süßem Kummer
und seh den Möwen nach in ihrem Flug.
Meist bin ich irgendwo im alten England,
auf einem Landsitz, nah dem wilden Meer.
Les Byrons frisch verlegten Dichtband
und hör im Nebel fremdes Ritterheer.
Mitunter trag ich hübsche, lange Roben,
mein Haar ist lockig und der Busen spitz;
verkünde lächelnd mich bald zu verloben
und reite engelsgleich im Damensitz.
Man ruft mich Lizzy, Catherine oder Emma,
und meine Schwestern kichern in der Nacht.
Mein Stolz stürzt Mutter oftmals ins Dilemma
und hat mich unlängst in Verruf gebracht.
Bisweilen wirds auch etwas stürmisch,
sofern der Mann charmant und muskulös.
Ich träume eben oft sehr anatomisch,
emphatisch und recht amourös.
Doch wenn des Morgens laut der Wecker rasselt,
und einer über Schnee und Regen spricht,
denk ich: Ich hätts vermutlich schön vermasselt,
zu fern sind Tugend mir und Pflicht.
© Margot S. Baumann / 2009